
Ein Agenturvertrag ist das wichtigste Dokument zwischen dir und der Agentur. Er entscheidet darüber, wer was bekommt, wer was darf und wie du wieder herauskommst, wenn es nicht passt. Die gute Nachricht: Du musst kein Jurastudium absolviert haben, um die wichtigsten Stellen zu verstehen. Du musst nur wissen, wonach du suchst.
Diese Checkliste führt dich durch fünfzehn Punkte. Geh sie mit dem Vertrag in der Hand durch, mach dir Notizen und stelle der Agentur schriftlich Fragen zu allem, was unklar bleibt. Eine seriöse Agentur beantwortet das gern und ohne Zeitdruck.
Bevor du anfängst: Lies den ganzen Vertrag
Klingt banal, wird aber ständig übersprungen. Wichtige Regelungen stehen oft nicht unter der Überschrift, unter der du sie erwartest, sondern in Anlagen, Allgemeinen Geschäftsbedingungen oder Schlussbestimmungen. Bitte um das vollständige Dokument inklusive aller Anhänge, und zwar als Datei, die du in Ruhe lesen kannst. Wer dir nur eine Unterschriftsseite oder einen Link mit Ablaufdatum zeigt, gibt dir kein faires Prüfzeitfenster.
Die 15 Punkte im Überblick
- Vertragspartner und Anschrift. Wer genau unterschreibt auf der anderen Seite? Eine Firma mit vollständiger Anschrift, Rechtsform und Vertretungsberechtigten ist Standard. Fehlt das, kannst du im Streitfall kaum jemanden erreichen. Gleiche die Angaben mit dem Impressum der Website ab.
- Leistungsbeschreibung. Was schuldet die Agentur dir konkret: Chat-Betreuung, Content-Planung, Marketing, Account-Pflege? „Wir kümmern uns um alles“ ist keine Leistungsbeschreibung. Je genauer die Aufgaben benannt sind, desto besser kannst du später beurteilen, ob sie erfüllt wurden.
- Vergütungsmodell. Wie verdient die Agentur an dir: Beteiligung, Fixbetrag oder eine Mischung? Entscheidend ist, dass das Modell ohne Taschenrechner-Akrobatik verständlich ist. Mehr dazu findest du in unserem Beitrag Provision erklärt.
- Berechnungsgrundlage. Eine Beteiligung auf Brutto- oder Netto-Umsatz ergibt einen echten Unterschied. Achte darauf, ob Plattformgebühren, Steuern oder Kosten für Dritte vorher abgezogen werden und wer sie trägt.
- Abrechnung und Einsicht. Bekommst du regelmäßig eine nachvollziehbare Abrechnung? Haben du oder deine Vertrauensperson ein Recht, Umsätze einzusehen, etwa über eine Leseansicht oder Berichte aus der Plattform? Ohne Einsicht vertraust du blind.
- Auszahlung. Wann, wohin und in welcher Form wird gezahlt? Prüfe Fristen, Zahlungsweg und ob es Mindestbeträge oder Einbehalte gibt. Idealerweise fließt dein Geld direkt auf dein Konto oder wird innerhalb einer klar genannten Frist weitergeleitet.
- Laufzeit. Wie lange bist du gebunden? Eine lange Erstlaufzeit ist nicht automatisch schlecht, aber du solltest sie bewusst wählen. Kurze Anfangslaufzeiten oder eine Testphase geben dir Luft, die Zusammenarbeit zu prüfen.
- Kündigung. Welche Frist gilt, in welcher Form musst du kündigen, und gibt es ein Sonderkündigungsrecht, etwa bei Zahlungsverzug oder nicht erbrachten Leistungen? Auch automatische Verlängerungen gehören hierher. Mehr zum Ausstieg steht in Agentur kündigen.
- Exklusivität. Darfst du neben der Agentur andere Plattformen, Kanäle oder Partner nutzen? Exklusivität kann sinnvoll sein, wenn die Agentur viel investiert, sollte aber klar begrenzt sein, zum Beispiel auf bestimmte Accounts.
- Account-Inhaberschaft und Zugangsdaten. Dein Account gehört dir. Prüfe, ob das im Vertrag steht und wie die Agentur Zugriff bekommt. Seriöse Agenturen arbeiten mit Zugängen, die du jederzeit entziehen kannst. Gib dein Passwort niemals ungeprüft aus der Hand.
- Content-Rechte. Wem gehören Fotos, Videos und Texte, die entstehen? Entscheidend sind Nutzungsrechte: für welche Zwecke, wie lange, mit oder ohne Ort-Beschränkung und was nach Vertragsende passiert. Lass dir keine pauschalen, unbefristeten Rechte abnehmen, wenn du sie nicht bewusst geben willst.
- Vertragsstrafen und Schadenersatz. Gibt es Strafen für Verstöße oder vorzeitigen Ausstieg? Hohe Pauschalen sind ein Alarmsignal. Frage nach, wofür sie gelten und ob sie angemessen begrenzt sind.
- Nachlaufzeit. Manche Verträge sichern der Agentur auch nach Ende noch einen Anteil, etwa an Fans, die sie gewonnen hat. Das kann in Maßen üblich sein, muss aber zeitlich und inhaltlich klar begrenzt sein.
- Datenschutz und Chat-Daten. Wer darf deine Daten und die deiner Fans verarbeiten, und wo? Wird Personal im Ausland eingesetzt, sollte das offen genannt werden. Ein Auftragsverarbeitungsvertrag und eine Datenschutzerklärung gehören bei seriösen Anbietern dazu.
- Änderungsklauseln und Gerichtsstand. Darf die Agentur Bedingungen einseitig ändern? Ohne deine Zustimmung sollte das nicht gehen. Schau außerdem, welches Recht gilt und wo gestritten würde. Ein weit entfernter Gerichtsstand erschwert es, deine Rechte durchzusetzen.
Wie die Punkte zusammenspielen
Einzelne Klauseln sind selten das Problem. Kritisch wird es, wenn sich mehrere ungünstige Regelungen addieren: lange Laufzeit, strenge Exklusivität, unbefristete Content-Rechte und eine Nachlaufzeit ohne Ende. Dann bist du faktisch gebunden, selbst wenn die Zusammenarbeit nicht funktioniert. Prüfe deshalb immer das Gesamtbild und frage dich: Wenn es in sechs Monaten nicht passt, komme ich dann sauber heraus?
Fragen, die du der Agentur stellen kannst
- Kannst du mir den vollständigen Vertrag samt Anlagen vorab als Datei schicken?
- Welche Aufgaben übernehmt ihr konkret, und wer ist mein fester Ansprechpartner?
- Wie sehe ich jederzeit meine Umsätze und die Abrechnung nachvollziehbar ein?
- Was passiert mit Inhalten und Zugängen, wenn wir die Zusammenarbeit beenden?
- Welche Frist und welche Form gelten für eine Kündigung?
Bewahre die Antworten schriftlich auf. Mündliche Zusagen sind im Streitfall kaum nachweisbar. Wie wir selbst Agenturen anhand solcher Fragen bewerten, erklären wir in der Methodik, und im Ranking siehst du, wie die Kriterien in der Praxis angewendet werden.
Lass dir Zeit
Zeitdruck ist das häufigste Mittel, um Prüfungen abzukürzen. Ein Vertrag, der nur heute gilt, ist selten ein guter Vertrag. Nimm dir mindestens einige Tage, lies in Ruhe, sprich mit einer Vertrauensperson und hole bei Bedarf professionellen Rat ein. Eine Agentur, mit der du jahrelang arbeiten willst, überlebt auch eine Woche Bedenkzeit.
Typische Stolperstellen in der Praxis
Aus der Redaktionsarbeit kennen wir einige Formulierungen, die beim schnellen Lesen leicht durchrutschen. Eine davon ist die stillschweigende Verlängerung: Der Vertrag läuft automatisch um ein weiteres Jahr weiter, wenn du nicht rechtzeitig kündigst. Setze dir deshalb nach der Unterschrift sofort eine Erinnerung im Kalender, die deutlich vor dem Fristende liegt.
Eine zweite Stelle sind Verweise auf andere Dokumente. Steht im Vertrag „es gelten ergänzend unsere AGB“, gehören diese AGB zum Vertrag, auch wenn du sie nie gelesen hast. Lade sie herunter, speichere die Fassung mit Datum und lies sie wie den Vertrag selbst.
Drittens begegnen dir gelegentlich Salvatorische Klauseln und „Schlussbestimmungen“, die harmlos klingen, aber festlegen, dass mündliche Nebenabreden ungültig sind. Das heißt: Was dir im Gespräch zugesagt wurde, zählt nur, wenn es im Vertrag steht. Lass dir wichtige Zusagen deshalb in den Text schreiben.
Eine einfache Ampel für dein Notizblatt
Markiere beim Lesen jede Klausel mit einer von drei Farben. Grün bedeutet: verstanden und in Ordnung. Gelb heißt: unklar, Rückfrage nötig. Rot steht für: so nicht unterschreiben. Wenn am Ende mehrere rote oder viele gelbe Punkte bleiben, hast du eine sachliche Grundlage für das Gespräch mit der Agentur, und zwar ohne Bauchgefühl allein.
Häufige Fragen
Muss ich den Vertrag von einem Anwalt prüfen lassen?
Eine Pflicht gibt es nicht. Bei langen Laufzeiten, höheren Beträgen oder ungewöhnlichen Klauseln ist eine professionelle Prüfung aber eine sinnvolle Absicherung. Ein Teil der Beratungsstellen bietet Erstgespräche zu überschaubaren Kosten an; informiere dich dazu vorab.
Darf ich Änderungen am Vertrag verlangen?
Ja. Verträge sind Verhandlungssache. Formuliere Änderungswünsche schriftlich und konkret und lass dir die angepasste Fassung vor der Unterschrift noch einmal vollständig schicken.
Was, wenn mir der Vertrag nur kurz vor Fristende gezeigt wird?
Das ist ein Warnsignal. Bitte um mehr Zeit. Reagiert die Agentur mit zusätzlichem Druck, ist das ein guter Grund, abzusagen. Mehr dazu in unserem Beitrag zu Warnsignalen.
Gilt für mich Verbraucherschutz?
Das hängt davon ab, ob du selbstständig bzw. gewerblich tätig bist. Wer als Creatorin Einnahmen erzielt, handelt häufig unternehmerisch, wodurch manche Verbraucherrechte nicht greifen. Lass das im Zweifel steuerlich und rechtlich einordnen.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Gesponserte Platzierungen sind gekennzeichnet und beeinflussen die Bewertung nicht.